
Nachhaltigkeit gelingt nur gemeinsam
Das Musiktheater im Revier ist Klimaschutz-Vorreiter unter den Opernhäusern
Das Musiktheater im Revier (MiR) zählt seit seiner Eröffnung im Jahr 1959 zu den visionärsten und architektonisch bedeutendsten Theaterbauten in Deutschland. Bekannt ist das Haus für großartige Opern, Operetten, Musicals, Tanz, und Konzerte, kaum aber dafür, dass es als erstes Opernhaus in Deutschland eine vollständige CO2-Bilanz erstellt hat und bis heute als Klimaschutz-Vorreiter in seiner Sparte gilt. Das sorgfältige, kontinuierlich verbesserte Monitoring von Verbrauchsdaten macht Erfolge transparent. Ein offener Umgang mit Herausforderungen und Zielkonflikten ist der Überzeugung geschuldet, dass das Musiktheater als lebendiger, verantwortungsbewusster Kulturort die Zukunft im Austausch mit dem Publikum, der Stadtgesellschaft und der Kulturlandschaft mitgestaltet.
Den Auftakt für die Klimabilanzierung im Musiktheater (MiR) machte die Teilnahme der Stadttochter beim Projekt ÖKOPROFIT in 2019. Für einen Kulturbetrieb war es gar nicht so einfach, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu messen und zu bewerten. Anfangs, so erinnert sich Christoph Neumann, Leiter Controlling und Transformation am MiR, entwickelte das Opernhaus eigene Tools zur Datensammlung und nutzte verschiedene Software, die eigentlich für andere Branchen gedacht war. So entstanden die ersten sechs Klimabilanzen von 2019/2020 bis 2023/2024 nach vier verschiedenen Standards. Als das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg im November 2023 einen einheitlichen Kulturrechner bereitstellte, gehörte das MiR zu den ersten Pilotanwendern. Seither wertet es seine Verbrauchsdaten zusätzlich nach dem Standard des Deutschen Nachhaltigkeitskodex aus.
Gemessen werden Stromverbrauch, Stromlastgang, Fernwärmeverbrauch, Frischwasserverbrauch, Abwasservolumen, gefahrene Kilometer des eigenen Fuhrparks, der Mitarbeiter sowie seit 2022 auch des Publikums. Für die vorbildliche Datensammlung wurde der Kulturbetrieb bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der Volksbank Ruhr-Mitte als Klimaheld*in 2022 sowie 2023 als beste Nachhaltigkeitsinitiative bei den „Oper!-Awards“.
„Wichtiger als die Datenmessung und Standards für die Analyse der Verbrauchsdaten ist aber, daraus Maßnahmen abzuleiten“, meint Christoph Neumann. Zentral ist dafür die interne Kommunikation mit den rund 300 Mitarbeitenden im Musiktheater, von denen ein Großteil fest angestellte Künstlerinnen und Künstler sind. Viele Verbesserungen sind auf das Mitdenken und private Engagement von Mitarbeitenden zurückzuführen. Hausinterne Informationskampagnen und Veranstaltungen wie ein jährlicher Umwelttag, eine Pflanzentauschbörse im Frühjahr oder der World Cleanup-Day halten die Themen im Gespräch. Informiert wird über ein soziales Intranet für alle Mitarbeitenden, das – neben zusätzlichen Vorteilen – den Druck von 60.000 Werk- und Arbeitsplänen jährlich einspart.
Für das MiR ist eine Prämisse essentiell: „Die Kunst ist frei und soll es auch bleiben“. So können im künstlerischen Programm gesellschaftlich relevante Themen aufgegriffen, Impulse für eine zukunftsfähige Lebensweise gesetzt und Räume für Dialog und Perspektivwechsel geschaffen werden. Beispielsweise spielt das Thema der Wiederverwendung von Material in den Werkstätten eine wichtige Rolle. „Das passiert aber rein aus den künstlerischen Teams heraus, nicht weil wir den künstlerischen Prozess in irgendeiner Weise organisatorisch beschneiden“, betont Christoph Neumann. Aber hinter den Kulissen, vor allem in der Organisation und Haustechnik, arbeitet das MiR systematisch daran, Prozesse in der Kooperation mit Künstler*innen, Mitarbeitenden, Partner*innen und dem Publikum nachhaltiger zu gestalten.
Ein gutes Beispiel bietet das Thema Licht: „Bei der Bühnentechnik kann man nicht alles sinnvoll auf LED umrüsten, weil es flimmert. Teilweise muss man das Theater auch tun lassen, was es tut, auch wenn es dafür einen 10-KW-Scheinwerfer braucht.“, berichtet Christoph Neumann. Auf den vielen langen Fluren im Backstage-Bereich hingegen konnte der Stromverbrauch mit LED-Lampen und Bewegungsmeldern deutlich zurückgefahren werden. Der Energieverbrauch für Strom und Wärme stellt in der Klimabilanz des MiR mit rund 50 % den größten Anteil der Gesamtemissionen. Maßnahmen zur Gebäudehülle sucht man in den Klimaschutzmaßnahmen des MiR allerdings vergeblich, da diese in den Zuständigkeitsbereich der Stadt Gelsenkirchen als alleinige Gesellschafterin fällt. Aber auch innerhalb der Gebäudehülle konnten viele Einsparpotentiale entdeckt werden. So wurden Kühlhäuser neu isoliert, in den Garderoben alte Kühlschränke ausgetauscht, Hausöffnungszeiten an spielfreien Vormittagen verkürzt. In Summe addieren sich die Energieeinsparungen seit 2019 auf mittlerweile stattliche 60.000 Euro pro Jahr.
Den zweitgrößten Anteil an den Gesamtemissionen des MiR macht der Bereich der Mobilität aus. Dabei entfallen etwa 18 Prozent der Gesamtemissionen auf die Mobilität der Mitarbeitenden. Wie sich bei einer ersten Befragung des Publikums 2022 herausstellte, werden zudem rund 30 Prozent der Gesamtemissionen durch die Mobilität des Publikums verursacht. Diese Dimension wurde erstmals deutlich, nachdem die Mitarbeitenden mit einer selbst erstellten i-Pad-Umfrage im Foyer herausgefunden hatten, wie die Besuchenden ins Musiktheater gefahren sind. 2024 wurde die Erfassung durch eine spezialisierte App und eine Online-Umfrage erweitert, die eine genauere Analyse des Mobilitätsverhaltens und der durchschnittlichen Anreiseentfernungen ermöglichte. Die Ergebnisse sind herausfordernd: Fast alle Befragten (93 Prozent) kennen das kostenlose Kombiticket für die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber nur unter 10% Prozent nutzen es. 84 Prozent der Besuchenden kommen mit dem PKW. Der Einbau neuer, diebstahlsicherer Fahrradboxen hat zwar Mitarbeitende für den Umstieg aufs Rad gewinnen können, aber die Mobilität des Publikums ist - auch durch das Angebot eines Theater-Taxis - noch nicht deutlich verändert worden. „Sicherlich ist diese Entwicklung auch dem Altersdurchschnitt des Opernpublikums und unserem großen Einzugsbereich bis in den ländlichen Raum hinein geschuldet“, sagt Christoph Neumann. Nichtsdestotrotz versuche das MiR weiter, die Nutzung nachhaltiger Mobilitätsformen zu fördern, zum Beispiel durch Kommunikationsmaßnahmen und Kooperationen mit Verkehrsanbietern.
Nachhaltigkeit begreift das Musiktheater als fortlaufenden Prozess mit Evaluation vorhandener Maßnahmen, gemeinsamer Entwicklung neuer Ideen und stetigem Dazulernen. Der offene Umgang mit Herausforderungen und Zielkonflikten und die transparente Kommunikation zeigt sich auch in der ausführlichen Präsentation der Klimabilanzen auf einer eigenen Seite auf der Homepage des Musiktheaters. „Unser Ziel ist es, das Musiktheater im Revier als lebendigen, verantwortungsbewussten Kulturort zu gestalten, der Zukunft mitdenkt und mitgestaltet. Dafür brauchen wir den Austausch – mit unserem Publikum, mit der Stadtgesellschaft und mit der Kulturlandschaft insgesamt. Denn Nachhaltigkeit gelingt nur gemeinsam,“ heißt es dort.
>>> Mehr Informationen rund um Nachhaltigkeit und zu aktuellen Klimabilanzen des MiR unter https://musiktheater-im-revier.de/de/articles/2025-26/general/nachhaltigkeit