„Ich sehe Klimaschutz als betriebswirtschaftliche Investition“
Interview mit Dr. Thomas-Benjamin Seiler, Direktor des Hygiene-Instituts des Ruhrgebiets e.V.

Dr. Thomas-Benjamin Seiler ist seit 2020 Direktor des Hygiene-Instituts. Seit über 120 Jahren sind die Analysen des Instituts im Gelsenkirchener Süden Grundlage für den Schutz natürlicher Ressourcen wie Boden, Luft und Wasser sowie für den vorbeugenden Gesundheitsschutz. Im KlimaForum Gelsenkirchen hat sich das Institut auf das Ziel der Klimaneutralität 2045 verpflichtet. Mit über 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, energieintensiven Laborgeräten im Dauerbetrieb und Räumen mit hohem Kühlbedarf ist das eine enorme Herausforderung. Neben Energiesparmaßnahmen im Laborbetrieb, begrünt das Hygiene-Institut seine Fassaden, erzeugt Solarstrom, rüstet Beleuchtung und Fahrzeugflotte um. Das KlimaForum Gelsenkirchen sprach mit Dr. Seiler über die Hintergründe des Engagements.
Herr Dr. Seiler, Sie sind seit 2020 Direktor des Hygiene-Instituts. Wie hat sich seitdem das Bewusstsein für die Notwendigkeit, auch im eigenen Haus aktiv für Klimaschutz zu handeln, entwickelt?
Ich bin Biologe und Ökotoxikologe und habe von daher eine „grüne Denke“ und ein Verständnis für Klimaschutz mitgebracht. Hier am Institut gab es bereits einen Fernwärmeanschluss und einen Stromliefervertrag mit grünem Strom. Ich sehe Klimaschutz aber auch als betriebswirtschaftliche Investition. Denn Klimaschutz ist Ressourcenschutz. Und wer weniger Ressourcen braucht, hat weniger Kosten. So sind mir entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten wie die Fassadenbegrünung zur Klimatisierung oder die Photovoltaik zur Stromerzeugung aufgefallen. Nach der Coronaphase haben wir die Maßnahmen von einem Energieberater durchrechnen lassen. Seine Empfehlung haben wir dann dem Vorstand unseres Trägervereins besprochen. Dann war es eine einfache betriebswirtschaftliche Rechnung: Wir hatten freie Mittel, für die es keine besonders hohe Rendite am Kapitalmarkt gab. Die Investition in den Klimaschutz brachte mehr, wurde einhellig begrüßt und beschlossen. Dafür musste ich also nicht wirklich kämpfen.
Es gibt wohl kaum einen Ort im Ruhrgebiet, in dem Veränderungen in der Umwelt über mittlerweile Jahrhunderte so präzise analysiert und registriert werden wie hier im Hygiene-Institut. Welche Rolle spielen diese fachlichen Einblicke für Ihr Engagement zum Klimaschutz?
In unserer Laborarbeit haben wir tagtäglich mit Umweltaspekten und Umweltmessungen zu tun. Wir sehen über die Zeit natürlich die Effekte des Klimawandels, etwa weil sich Keime in wärmerem Wasser stärker vermehren. Messbar ist, dass Hochwasser Altlasten nach oben spült oder in wärmeren Böden Schadstoffe Flora und Fauna stärker schädigen. Letztendlich sind Umweltschutz und Gesundheitsschutz Bestandteil unserer DNA. Unser Träger ist ein gemeinnütziger Verein. Es geht bei uns nicht darum, Shareholder Value zu erwirtschaften, sondern wir erfüllen einen quasi öffentlichen Auftrag als Dienstleister für die Gesundheit von Menschen und der Umwelt. Diese Mission steht bei uns im Vordergrund. Überschüsse werden für gemeinnützige Zwecke, vor allem für die Förderung von Forschung, verwendet. Klimaschutzmaßnahmen müssen sich nicht am Ende des Jahres schon gerechnet haben. Das ist natürlich ein großer Vorteil für Investitionsprojekte.
Wenn Sie mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Hygiene-Institut über die Maßnahmen zum Klimaschutz sprechen, worüber wird besonders viel diskutiert und was sind dabei ihre Argumente?
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier im Institut kennen die Umweltzusammenhänge und stehen hinter der gemeinnützigen Mission des Hygiene-Instituts. Maßnahmen für Klimaschutz muss ich hier nicht groß rechtfertigen. Im Gegenteil, es gibt immer wieder Vorschläge für Verbesserungen in Details, die dann auch gern umgesetzt werden, wenn es zum Beispiel darum geht, Monitore oder Geräte im Laborbetrieb konsequent abzuschalten, wenn sie nicht gebraucht werden. Viele Geräte müssen bei uns aber im Dauerbetrieb laufen, brauchen klimatisierte Räume und viel Energie. Wobei man sagen muss, dass geringerer Energieverbrauch bei den Herstellern als Verkaufsargument in den letzten Jahren immer prominenter geworden ist, so dass hier der technische Fortschritt zunehmend greifen wird. Unsere geplante Photovoltaik-Anlage ist jedenfalls diesem hohen Stromverbrauch geschuldet. Ausgerechnet ist, dass sie etwa 20 Prozent unseres derzeitigen Strombedarfs decken und unsere Stromkosten um ca. 16 Prozent senken wird. Bei der Beleuchtung haben wir, nachdem wir errechnet hatten, wie schnell sich das amortisiert, bereits nahezu komplett auf LED umgerüstet. Beim Klimaschutz geht es meiner Ansicht nach immer auch um betriebswirtschaftliche Vernunft: Wer Ressourcen schont, sorgt dafür, dass Kosten sinken. Jedes Klimaschutzprojekt hat betriebswirtschaftliche Komponenten, die das Ganze lohnend machen.
Sie haben jetzt schon den ersten Sommer hinter einer der Maßnahmen, der frisch begrünten Fassade hinter sich. Wie rechnet sich das?
Ich war ein bisschen skeptisch wie viel das ausmachen würde, aber nach dem Hitzesommer 2026 kann ich schon sagen, die Temperaturunterschiede sind eklatant. Auf die Südfassade zum Innenhof scheint den ganzen Tag die Sonne. Mein Büro liegt an dieser Fassade im obersten Stock und wurde bislang immer besonders heiß, weil die Hitze von unten an der Fassade hochstieg. Mit der Grünfassade ist es nun an warmen Tagen in meinem Büro deutlich kühler als in einem ähnlich liegenden Besprechungsraum im Erdgeschoss ohne Begrünung. Selbst wenn man an solchen Tagen das Fenster öffnet, strömt kühle Luft von unten. Die Pflanzen werden automatisch bewässert und machen ihren Job: Sie verdunsten das Wasser und kühlen so die Luft ab. Für einzelne Büros hatten wir in der Vergangenheit Split-Klimageräte angeschafft. Nun, mit der Grünfassade habe ich selbst nach tagelanger Hitze mein altes Klimagerät allenfalls am Ende einer heißen Woche nur für wenige Stunden anwerfen müssen. Um alle Büros an der Südseite gerätetechnisch zu klimatisieren, hätten wir 28 Split-Klima-Geräte mit entsprechenden Stromkosten aufs Dach stellen müssen. Die Kosten für Bewässerung und alljährlichen Rückschnitt sind deutlich geringer.
Also ein schönes Erfolgserlebnis, das sich zur Nachahmung empfiehlt. Was steht in Zukunft in Sachen Klimaschutz am Hygiene-Institut an?
Zunächst einmal warten wir derzeit die Ergebnisse der freiwilligen Klimabilanzierung nach VSME-Standard ab. Wenn wir damit dann unsere Treibhaus-Emissionen genauer kennen, können wir konkrete Reduktionsziele und Umsetzungsmaßnahmen planen. Ideen, über die ich im Moment schon konkret nachdenke, sind die Entsiegelung des Innenhofs und das Nachpflanzen von Bäumen, die wir krankheitsbedingt dort vor einiger Zeit fällen mussten. Beides würde noch stärker zum Hitzeschutz beitragen und Klimatisierungskosten sparen. Außerdem: Grün macht glücklich. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in einen grünen Innenhof blicken, sind zufriedener und arbeiten besser. Auch das wäre ein betriebswirtschaftlicher Zusammenhang, der zeigt: Klimaschutz ist sinnvoll.
Vielen Dank für das Gespräch!